Worte an die Gemeinde

Andrea Knauber  

Liebe Leserin, lieber Leser!

Sicher, es könnte auch die Bibel sein, das würde naheliegen. Doch in bestimmten Zeiten, Situationen, Momenten nehme ich etwas anderes zur Hand. Und diese Zeit ist jetzt. Die Zeit, in der wir wiederum die Kontakte zu anderen mindern sollen, um die Infektionskette zu unterbrechen und auch das Gemeindeleben danach auszurichten haben. Da brauche ich Bestärkung, Hilfe.  

Ich nehme also das „Kleine Spirituale für Menschen in geistlichen Berufen“ meines badischen Kollegen Gerhard Engelsberger zur Hand. In der Hoffnung, auch diesmal etwas Hilfreiches für mich zu finden. Ich bleibe gleich am Anfang beim Titel „Kraft der  Gemeinschaft“ hängen. Das ist das Stichwort, das mich umtreibt. Das ist, was mir fehlt. Was mich bewegt. Auch besorgt. Was mich gemeinsam mit den Ältesten und anderen nach Antwort(en) auf die  Frage suchen lässt: Wie schaffen wir es, unsere Gemeinschaft durch die Corona-Krise hindurchzutragen?

Gemeinschaftlich feiern wir nach wie vor Gottesdienste und freuen uns, dass wir uns zumindest aus der Distanz begegnen können. Wir fragen uns derzeit, ob das an Weihnachten auch noch so möglich sein wird und planen trotzdem -  „so, als ob sie stattfinden könnten“ -Gottesdienste im Freien, denn unsere kirchlichen Räume, die Gustav-Adolf-Kirche, das angemietete katholische Pfarrzentrum oder die uns kostenfrei zur Verfügung gestellte Schlosskirche Obergrombach reichen für das Christfest  mit Corona-Abstand nicht aus.  

Zugegeben: Mein kleines Büchlein kann mich über die Corona-Wehen nicht hinwegheben. Doch es erinnert mich in dieser Zeit daran, dass ich immer und überall Teil der Gemeinschaft der Christen bin und bleibe. Durch meine Taufe. Durch sie gehöre ich zur sichtbaren, wirklichen Gemeinschaft der Glaubenden, die in der Feier des sonntäglichen Gottesdienstes wie auch im Leben der Gemeinde erfahrbar und spürbar wird. Diese Zugehörigkeit gilt auch für die verborgene, von Gott selbst geschaffene Gemeinschaft, deren Wirklichkeit dem weltlichen Blick entzogen und nur im Glauben zugänglich wird.  

Es ist diese verborgene Seite von Gemeinde, die mir besonders hilfreich werden kann, um durch die Corona-Krise zu kommen. Denn selbst wenn ich physisch den anderen nicht oder nur wenig begegnen kann, bin ich nicht alleine, sondern „Teil eines Ganzen. Ich bin nicht vergessen. Ich bin erinnert. Ich bin re-membered.“, so Engelsberger, der dieses englische Wort aufnimmt und erklärt: ‚Member‘ ist ein Teil, Glied eines Ganzen. ‚Re-member‘ – das Er-Innern – ist das Wiedereingliedern, das Heilen, das Wiederentdecken des Ganzen.“  

Der Glaube an die verborgene Seite unserer kirchlichen Gemeinschaft hilft mir und ermutigt mich in dieser Zeit. Das Wissen darum, dass ich bei Gott erinnert bin, vermag mich zu heilen und zu stärken. Das Vertrauen, dass ich bei den andern, die sich auch zur Gemeinde zählen, nicht vergessen bin - wie fern sie auch sein mögen – tut mir gut. Und dass wir im Ganzen füreinander beten, macht das Dasein leichter, finde ich.  

Ich werde also in den kommenden Woche und Monaten mich besonders an der verborgenen Seite unserer kirchlichen Gemeinschaft festmachen. Werde besonders an den Tiefpunkten meiner Ungeduld und Frustration mich daran erinnern, dass ich als ‚member‘, als Teil der großen Gemeinschaft, als Teil des Leibes Christi erinnert bin bei Gott, sowie auch bei den andern in der Gemeinde, den Schwestern und Brüdern. Denn es ist und bleibt ja so – mit und ohne Corona: Das Wohlergehen des Einzelnen bleibt gebunden an die Gemeinschaft. Genauso wird es der Gemeinschaft nicht gut gehen, ohne dass es dem Einzelnen wohl ergeht.  

In diesem Sinne grüße ich Sie in herzlicher, geschwisterlicher Verbundenheit, Ihre  

Ihre Pfarrerin
 Andrea Knauber 


Aktualisiert am 26. November 2020